Das gab es noch nie in Gera!

Katholischer Kindergarten öffnet seine Pforten

Dies ist die Überschrift eines Zeitungsartikels des Thüringer Tageblatt´s vom August 1990.
Wie kam es dazu?

In den katholischen Gemeinden der Stadt Gera wurden zwar die Vorschulkinder wöchentlich einmal religiös betreut, aber dem Wunsch der Gemeinde „Hl. Maximilian Kolbe“, die Kinder in einer christlichen Atmosphäre die ganze Woche über aufwachsen zu lassen, konnte erst nach der Wende stattgegeben werden. Die ersten Gespräche über die Möglichkeit zur Bildung einer christlichen Einrichtung in freier Trägerschaft fanden am „Runden Tisch“ im Februar 1990 statt.

Daran nahm der Gemeindepfarrer H.Claus Bahmann teil. Im Pfarrgemeinderat der Gemeinde Gera Süd, die durch das Neubaugebiet Lusan sprunghaft gewachsen war und viele junge Familien mit Kindern zählte, wurde das Vorhaben für gut befunden und beschlossen. Mit dem Stadtschulrat wurde das Anliegen der Gemeinde besprochen und nach reichlichen Überlegungen wurden Räume in einer Kindereinrichtung in unmittelbarer Nähe des Gemeindezentrums zur Nutzung angeboten. Dieser Vorgang wurde dann an die Diözesancaritas des Bistums Dresden-Meißen herangetragen und die Verträge mit Erlaubnis des Bischofs unterzeichnet. Die Gemeinde Gera Süd war somit eine der ersten Kindereinrichtungen in freier Trägerschaft nach der Wende im Bistum. Um das Personal für die Einrichtung, die mit 10 Kindern begann und auf 36 Kinder heranwuchs, kümmerte sich der Pfarrer in Verbindung mit der Leiterin der Dekanatscaritas. Zwei Erzieherinnen mit kirchlicher Ausbildung ,einer Krippenerzieherin und einer Helferin waren die erste Mannschaft.

Am 1. September 1990 wurde der erste katholische Kindergarten in Gera feierlich im Gemeindesaal des Gemeindezentrums eröffnet. Die feierliche Einweihung der Räume konnte erst am 23.September stattfinden, da die Kindergarten-Einrichtungsfirma das Mobiliar zu diesem Zeitpunkt erst liefern konnte. Die Eltern der zukünftigen Kindergartenkinder packten fleißig mit an und renovierten die Räume. Mit einem feierlichen Gottesdienst in der Pater Kolbe Kirche, in dem auch ein Grußwort des Bischofs verlesen wurde, begann die feierliche Einweihung. Anschließend wurden die Räume gesegnet und die Kinder konnten sie in ihren Besitz nehmen. Natürlich schloss sich ein „Tag der offenen Tür“ für alle Interessierten an. Die evangelische Gemeinde „St.Ursula“ in Gera Lusan zeigte großes Interesse und viele Eltern meldeten ihre Kinder bei uns an. Auch aus dem Wohngebiet interessierten sich viele Eltern,ihre Kinder bei uns unterzubringen.

Um sich weiter profilieren und besondere Akzente in der Erziehung der Kinder setzen zu
können, reichte die Unterbringung  im Gebäude des Plattenbau´s nicht mehr aus.
Eine Sanierung und Umwandlung in ein Kinderhaus wäre zu kostspielig geworden.
1995 wuchs die Idee zum Neubau einer Kindertagesstätte auf pfarreigenem Gelände.

"Es ist unsere Antwort auf die Wohn – und Lebenssituation in Lusan.
Es ist nie widersinnig , sich um Leben zu sorgen.
Wir wollen hier bleiben und eine angenehme Atmosphäre für Kinder schaffen.“
Zitat Pfarrer Christoph Behrens

Zusammen mit der Architektin Maria Hoffmann , selbst Mutter von fünf Kindern, Vertretern der Gemeinde, des Kindergartens und des Seniorenheimes  wurde die Idee verwirklicht und im April 1997 bekamen wir eine endgültige Zusage vom Bischof zum Bau dieses ökologischen Hauses. Das Grundanliegen der neuen Kindertagesstätte sollte es werden, dass sich die Kinder wohl und geborgen fühlen.Aus dieser Sicherheit heraus sollte die Neugier auf ihre Umwelt wachsen und somit die Bewahrung der Schöpfung zu einem Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit werden.

Ich schütze nur, was ich liebe,
ich liebe nur,was ich kenne,
ich kenne nur,was ich wahrnehme,
ich nehme nur wahr,was eine Bedeutung für mich hat...
Und diese Bedeutung vermitteln Erwachsene
R.Bauer; P.Brandt

In vielen konzeptionellen Gesprächen wuchs daraus der Gedanke, dass das neue Haus rund werden sollte. Dies spiegelte sich im Planungsprojekt des Hauses wieder. Grundlage der Idee ist das Schalentier Nautilus pompilius (Perlboot). Es kann sich in sein Gehäuse zurückziehen um in sich zu ruhen, um sich anschließend wieder
zu öffnen. So soll dieses Gebäude auch den Kindern entsprechende Möglichkeiten bieten. Ein Zeichen der inneren und äußeren Geborgenheit wird gesetzt.

Zentrum des Hauses ist das Atrium-ein Innenraum, völlig aus Glas und nach oben offen. So können die Naturerscheinungen wie Regen und Schnee in der umgebenen Halle – auch Marktplatz genannt, miterlebt werden. Das Wasser als wichtigstes lebensspendendes Element, kehrt in der Tagesstätte immer wieder - im Brunnenraum, - in jedem Gruppenraum sowie im Freien in Form von Biotopen. Jeder Gruppenraum hat Glastüren, durch welche die natürliche Umgebung jederzeit wahrgenommen werden kann.

Verwendet wurden für den Bau des Hauses in Lehmbauweise vorwiegend natürliche Baustoffe. Von den Eltern selbst geschlagene Baumstämme konnten als Innenpfeiler verbaut werden. Einen Großteil der Leistungen erbrachte die Kirchgemeinde selbst, so auch die Gestaltung der Außenflächen. Auch die Gestaltung der Lehmwände, im Inneren des Hauses, wurde zu Aktionen von Kindern und Eltern genutzt. In Leinentücher eingewickelte „Brote“, versehen mit einem versteckten Monogramm, wurden übereinander geschichtet. Noch heute kann man den kleinen Fingerabdruck eines Erbauers erkennen. Ein Aufruf wurde gestartet, Korken zu sammeln! Sie wurden dann geschreddert und zur Schalldämmung des Fußbodens verwendet. Der Kamin mit Ofenbank bietet in der Eingangshalle ein Platz der Begegnung und des Schauens. Es wurden Seedunggewächse gesammelt und das Dach begrünt.

„Zentraler Gedanke des Projektes ist der verantwortungsvolle Umgang mit der Schöpfung.
Das Bauwerk nimmt Natur weg. Das Gründach soll einen Teil zurückgeben.“
Zitat Maria Hoffmann

So konnte am 3. Oktober 1998 unsere „ holzkugelrunde, lehmfröhlichbunte,naturgemütliche, nicht so übliche Wohlfühlhöhle – unser Perlboot“ vom damaligen Weihbischof G.Weinhold eingeweiht werden. Gratulanten waren unter anderem: der Generalsekretär der deutschen Umweltstiftung Fritz Brickwedde, der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes Clemens Kathke sowie Verantwortliche der Stadtverwaltung Gera. Das Patronat dieses Hauses sollte der heilige Franziskus übernehmen. Er ist der Schutzpatron für Natur und Umwelt. Unser Patronatsfest ist jedes Jahr im Oktober ein Höhepunkt im Perlboot.

Am 27. Juni 2000 erhielt das Perlboot den Umweltpreis für den öffentlichen Bereich
der Stadt Gera.


Um christliche Werte weiter zu vermitteln, muss ein Kindergarten in Trägerschaft der Pfarrgemeinde offen sein für alle, die sich dafür interessieren. Es ist eine Chance, den Glauben zu verkünden. Dazu tragen auch gemeinsame Veranstaltungen zwischen Kindergarten und Pfarrgemeinde bei. Im Laufe der Jahre haben sich feste Traditionen herausgebildet. Die Feste im kirchlichen Jahreskreis werden in der Gemeinde mit dem „Perlboot“ begangen. So gestaltet der Kindergarten den Erntedankgottesdienst in der Gemeinde und zu St Martin ziehen
alle nach einer Andacht in der Kirche, gemeinsam mit den Kindern aus dem Wohngebiet mit ihren Laternen in das evangelische Gemeindezentrum St.Ursula. Dort gibt es dann die beliebten Martinshörnchen. Zum Nikolaustag besuchen „Nikoläuse“ der Gemeinde Kinder zu Hause und bringen kleine Gaben. Beim Adventslieder singen im Gemeindesaal, welches jährlich am 1.Advent stattfindet, ergänzen sich die Kinder des Kindergartens und die Kinder und Erwachsenen der Gemeinde. Gemeinsames Singen und Musizieren verbindet und bringt alle in eine adventliche Stimmung. Kinder aus dem Perboot wirken beim Krippenspiel der Gemeinde mit, welches am Heiligabend aufgeführt wird und vom ganzen Wohngebiet gut angenommen wird.

Auch Andachten im Kirchenjahr ( Blasiussegen, Aschemittwoch, Ostern und der Segen der Schulanfänger zum Sommerfest) ,die in der Pfarrkirche stattfinden, werden von Gemeindegliedern gern besucht. So lernen wir uns gegenseitig kennen und achten. Ein großes und interessantes Außengelände umgibt die Kirche, das Perlboot und das Seniorenheim „Edith Stein“. Durch Bänke und im Gelände verteilte Spielgeräte (z.B. Kletterbaum, Schaukel ) ist ein Zusammentreffen und ins Gespräch kommen möglich. Zum Perlboot gehören auch ein Häuschen mit Garten herum. Dort wohnen Lina, Tina und Mona. Das sind unsere Ziegen. Die Kinder und Erzieher haben die Aufgabe, die Tiere zu füttern und zu pflegen. Ehrenamtliche Mitarbeiter der Gemeinde helfen tatkräftig mit, diese reizvolle Aufgabe zu erfüllen. So bleibt in den Tagesrhythmus eingebettet die Begegnung mit der Natur.

Eine weitere gute Möglichkeit zur Begegnung bietet die Zusammenarbeit mit dem Seniorenheim, welches sich in unmittelbarer Nähe des Perlbootes befindet. Im vergangenen Jahr konnte der Lebensgarten eingeweiht werden Ein Spielplatz für die Kinder umgeben mit Bänken, die die Senioren zum Sitzen und Schauen einladen. Eine Rollerstrecke, die auch mit Rollstühlen befahren werden kann, ein überdachter Essplatz und noch viele andere Möglichkeiten bieten sich förmlich zum generationsübergreifenden Zusammenleben an. Gemeinsame Feste wie Fasching und St. Nikolaus sind bei Alt und Jung sehr beliebt. Für ein Geburtstagsständchen sind die Senioren sehr dankbar und die Finger der Kleinen reichen nicht aus, um die 78 oder 99 Jahre anzuzeigen. Im Seniorenheim befindet sich eine Kegelbahn, die von allen gemeinsam genutzt wird und viel Freude bereitet. Natürlich sind die Kinder zu Festen im Jahreskreis oder zum Patronatsfest gern gesehen. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen zwischen Gemeinde, Kindergarten und Seniorenheim und das alles unter einem Träger.